| Das Welttanzprogramm - WTP |
DER GESELLSCHAFTSTANZ IM 20. JAHRHUNDERT
DIE ENTWICKLUNG DER TÄNZE:
Zur Jahrhundertwende leerten sich die Tanzsäle, man war der europäischen Tänze
müde geworden. Man suchte nach neuen Reizen, die Rundtänze langweilten, die
Tänze der Vergangenheit fanden kein Echo mehr. Mit der Wende zum 20. Jahrhundert
bekam der soziale Tanz in Amerika eine andere Bedeutung. Er war nicht mehr nur
Ausdruck der schwarzen Bevölkerung, sondern die Tänze afrikanischen Ursprungs
wurden populär und tanzbar für jedermann.
In der Folge kamen sogenannte moderne Tanzelemente von den USA und Südamerika
nach Europa, wie beispielsweise Boston, Tango, Charleston und Rumba,
nach dem 2. Weltkrieg Jive, Boogie, Rock'n'Roll und Cha-Cha-Cha
sowie jede Menge kurzlebiger Modetänze, beeinflußt zuerst vom amerikanischen
Jazz-Musikstil, dann von Rhythm & Blues-Musik und von den lateinamerikanischen
Volks- und Nationaltänzen.
Die außereuropäischen Tänze wurden salonhaft verfeinert
und durch neue Bewegungen choreografisch bereichert. Aus diesem Schrittmaterial
werden - auch heute noch - ständig neue Modetänze kreiert, die demzufolge eine
große Variationsbreite ausschöpfen.
Geprägt durch die Entwicklung der Unterhaltungsindustrie wurde die Musik- und
damit die Tanzwelt immer mehr global verbunden, so daß es im Laufe des 20. Jahrhunderts
eine nahezu unüberschaubare Vielfalt von Tänzen gab und gibt.
Allen Tänzen ist gemeinsam, daß sie sowohl Elemente von Volkstänzen als auch
reine, von Tanzlehrern entworfene, synthetische Tanzfiguren aufweisen können.
Die gegenseitige Beeinflussung von Volks- und Gesellschaftstanz ist bis in die
heutige Zeit erhalten geblieben.
In der 1. Hälfte dieses Jahrhunderts wurden hauptsächlich
Paartänze in Tanzhaltung getanzt, während in den sechziger und siebziger Jahren
Paartänze ohne Berührung des Tanzpartners, also Solotänze, und Gruppensolotänze
sehr beliebt waren. Erst ab 1974 erinnerte man sich wieder an die paarweise
Tanzausführung mit Berührung des Partners.
Aus dieser Vielfalt heraus war man seit jeher gezwungen, eine Ordnung des Schritmaterials
für den Leistungstanz, die sogenannten Tanzturniere, zu schaffen.
Die englischen Tanzlehrer standardisierten 1929 in der "Great Conference"
erstmals die damals neuen Tänze Foxtrott, Quickstep, English Waltz, Blues und
Tango.
Unabhängig davon wurde 1963 in London im International
Council of Ballroom Dancing (ICBD) der Allgemeintanz zu einem Welttanzprogramm
(WTP) reglementiert, welches internationale Geltung hat. Damit wurde
Tanzen zur "Weltsprache" gemacht. Dadurch ist es auch möglich, mit
jedem beliebigen Partner, der sich an diese Tanzregeln hält, zu tanzen. Dem
ICBD gehören alle qualifizierten Tanzschulen auf der Welt an.
Die drei letzten vom ICBD aufgenommenen Tänze sind: Jive (1968), DiscoTänze
(1979) und Rock'n'Roll (1981).
Naturgemäß überschneiden sich die Tänze des Leistungstanzes größtenteils mit
den Tänzen des Allgemeintanzes, jedoch ist die Tanzausführung grundsätzlich
anders.
Das Welttanzprogramm umfaßt 12 Tänze:
die 4 "Standardtänze": Wiener
Walzer, Langsamer Walzer, Tango,
Quickstep,
und 8 "Lateintänze": Paso doble,
Blues, Samba,
Rumba, Jive,
ChaChaCha, Rock'n'Roll
und die Disco-Tänze.
Zu den 11 Turniertänzen gehören
die 5 "Standardtänze:" Wiener
Walzer, Langsamer Walzer, Tango,
Quickstep, Slowfox,
die 5 "Lateintänze": Paso doble,
Blues, Samba,
Rumba, Jive,
ChaChaCha und als eigene Disziplin
der Rock'n'Roll.
Die Bezeichnungen "Standardtänze" und "Lateintänze"
haben sich in den letzten Jahrzehnten eingebürgert, obwohl dies in einigen Fällen
nicht der tatsächlichen Entstehung der Tänze entspricht. Darauf wird bei den
einzelnen Tänzen hingewiesen.
Die "Lateintänze" werden deshalb genauer als "Latein- und
nordamerikanische Tänze" bezeichnet, da eigentlich nur die Rumba und
die Samba echte "Lateintänze" sind. In der Nachkriegszeit wurden diese
beiden Tänze den "Romanischen Tänzen" zugeordnet, zu diesen
gehörte auch der Carioca und der Raspa.
(Auszug aus dem Buch "Perfekt Tanzen" von
R.Lidmila,
© Verlag Perlen-Reihe, Wien-München-Zürich 1994)
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